Gesundes Selbstbewusstsein

cibaria und der Frauensportverein Münster

Gesund essen, sich regelmäßig bewegen - das sind die Basics. Doch Lebensqualität bedeutet mehr: In die eigene Kraft kommen, Potenziale leben und auch mal Grenzen setzen. Wo Frauen und Mädchen das lernen? Zum Beispiel in einem Selbstbehauptungskurs beim Frauensportverein Münster. Als Unternehmen, das geleitet ist von der Idee Frauen zu fördern, unterstützt cibaria den Verein als Sponsorin. Im Gespräch entdecken cibarias Vertriebsleiterin Stefanie Nagel (im Bild links) und Vereinstrainerin Christa Kortenbrede spannende Parallelen. Es geht um nichts weniger als gesellschaftliche Veränderung und jede Menge Spaß. Also: Auf die Plätze, fertig, los!

Christa, welche Reaktion ist typisch, wenn Mädchen und Frauen zum ersten Mal zum Frauensportverein Münster kommen und einen Selbstverteidigunskurs oder Selbstbehauptungskurs besuchen?

Christa Kortenbrede: Meistens ist es ein Staunen über die eigenen körperlichen Möglichkeiten ein ‚Wow, das alles kann ich!?‘. Allein die Stimme und den Atem als Kraftverstärker zu entdecken, ist für viele Teilnehmerinnen ein echtes Schlüsselerlebnis.

Was macht den Verein so besonders, und wie würdest du die Atmosphäre bei euch beschreiben?

Christa Kortenbrede: Bei uns geht es nicht um höher-schneller-weiter. Mädchen und Frauen stark machen, das ist die Grundidee. Wir haben zwar Trainerinnen mit hohen Ausbildungsgraden, aber im Mittelpunkt stehen immer der Spaß und das Miteinander. Wichtig ist: Wir wissen, mit welchen Gefühlen und Ängsten Frauen unterwegs sind. Darüber sprechen wir in den Kursen, überlegen Strategien und probieren die spielerisch aus.

Die Selbstverteidigungs- und Selbstbehauptungskurse bilden einen Schwerpunkt im Programm des FSV. Stefanie, gerade absolvierst du die Ausbildung zur Trainerin. Angefangen hast du vor Jahren als Teilnehmerin. Wie kam es dazu?

Stefanie Nagel: Irgendwann wollte ich abends nicht mehr gern rausgehen, weil mir der Heimweg Stress machte. Der Kurs war für mich wie eine kleine Erweckung. Diese Kraft in mir zu spüren, mal richtig schreien und treten zu können und zu wissen, auch wenn jemand groß und stark und schwer ist kann ich bedrohliche Situationen meistern - das zu lernen war einfach toll.

Welche Art von Kraft und Stärke ist das genau, die hier vermittelt wird?

Christa Kortenbrede: Wir bieten eine ganze Palette, daher auch die Begriffe Selbstverteidigung und Selbstbehauptung. Die übergeordnete Situation ist: Ich werde angegriffen und will mich verteidigen. Aber es geht um weit mehr. Im ersten Schritt nehmen sich die Frauen selbst genau wahr. Was sind ihre Interessen, was wollen sie, was nicht. Danach lernen sie, sich fokussiert für ihre Ziele einzusetzen.

 

„Entscheidend ist: Ich könnte, wenn ich wollte“

Stefanie Nagel: Und es geht darum, den eigenen Weg zu finden. Der kann individuell ganz unterschiedlich aussehen. Wichtig ist: Ich habe eine Wahl. Ich könnte mich wehren, wenn ich wollte. Aber das heißt nicht, dass ich das auch tun muss. Wenn mir gerade mehr danach ist, die Situation zu ignorieren oder zu verlassen, dann ist das auch in Ordnung.

Christa Kortenbrede: Richtig. Kampf ist das letzte Mittel. Wenn ich Warnsignale wahrnehme, kann ich überlegen, wie ich mir helfen und mich in Sicherheit bringen könnte. Dabei gibt es kein Dogma und erst recht keine Schuld. Egal ob oder wie ich mich selbst verteidige, die Verantwortung für Grenzüberschreitungen bei sexualisierter Gewalt liegt immer bei der Person, die sie ausübt.

Stefanie, cibaria ist ein von Frauen geführter Betrieb, der ausschließlich Frauen ausbildet. Sich ausprobieren, auch körperlich, das ist hier Alltag, oder?

Stefanie Nagel: Bei cibaria ging es von Anfang darum, qualifizierte Frauenarbeitsplätze in einem männlich geprägten Beruf zu schaffen, eine sinnvolle Arbeit in einem sexismusfreien Raum. Die Arbeit am Ofen, das Rangieren mit großen Transportern: Frauen müssen uns nicht erst beweisen, dass sie all das können. Es wird ihnen grundsätzlich zugetraut.

Aber Manches will auch gelernt sein. Wie unterstützt cibaria Frauen bei ihrer Entwicklung?

Stefanie Nagel: Es wird natürlich keine gezwungen, ihre Persönlichkeit zu entwickeln. Aber wir begleiten. Es gibt dafür eine Gesprächskultur. Und wir schauen ganz genau hin: Was ist die Stärke der Frau, was kann sie besonders gut, und was braucht sie, um sich zu entfalten. Dabei unterstützen wir den Aspekt des Selbstwerts. Wenn ich denke, ich bin nichts wert, ich kann und weiß nichts, dann lasse ich mich auch schneller von anderen so behandeln.

Christa Kortenbrede: Ja, hilfreich ist der Blick auf die Ressourcen; also weg von dem, was ich nicht gut kann, hin zu dem, was ich gut kann. Ich sage immer: Eine ist pfiffig, eine ist schnell, eine ist schlagfertig. Wenn ich das Eine nicht habe, nutze ich das Andere.

Stefanie Nagel: Und bitte jenseits des Selbstoptimierungswahns. Ich finde es sehr bedenklich, wenn ich lese, was ich alles wegatmen soll, wie ich meine Gesundheit und Schönheit optimieren soll. Ich finde es viel besser, sich psychisch wie körperlich etwas Gutes zuzuführen. Man kann sich ja auch schlapp essen mit Zeug, das schwerfällig macht oder man kann sich fit essen mit guten, natürlichen Produkten.

 

„Die Welt verändert sich mit uns“

Welche Rolle spielt bei dieser Haltung das Miteinander, die Gemeinschaft unter Frauen?

Christa Kortenbrede: In unseren Kursen erleben Frauen und Mädchen, wie es sich anfühlt, gemeinsam verschiedene Möglichkeiten zu entdecken und wie wir mit Solidarität mehr erreichen können. Größer gedacht ist das der Grund, warum wir als Verein frauenpolitisch stark vernetzt sind. Das ist Lobbyarbeit. Wir wollen die gesellschaftliche Wahrnehmung beeinflussen, die Situation von Mädchen und Frauen verbessern. Die Welt verändert sich mit uns, und es fängt mit unserer Stimme an.

Stefanie Nagel: Bei cibaria ist das Miteinander und die Solidarisierung Prinzip. Das spürt man besonders nachts, wenn die Bäckerinnen und Bäcker am Tisch stehen und gemeinsam bei „Brote aufmachen“ oder wenn die Frauen samstags auf dem Domplatz diesen Wahnsinnsansturm managen – das funktioniert nur in einem starken Team.

Christa, was sind die nächsten Ziele für den FSV?

Christa Kortenbrede: Vordringlich etwas ganz Praktisches. Im Moment mieten wir verschiedene Räume an, aber das reicht nicht aus. Unser Traum ist es, wieder eine eigene Halle zu haben. Ein eigener Frauenraum, das ist für uns ein ganz anderes Gefühl - und ich denke auch für diese Stadt eine wichtige Aussage. Aber natürlich ist es schwer in Münster in zentraler Lage etwas Bezahlbares zu finden. Abgesehen davon suchen wir händeringend nach einer Lagermöglichkeit, zum Beispiel eine Garage, für unsere Materialien, zentral in der Innenstadt und für alle Trainerinnen zugänglich. Da würden uns schon 6 qm reichen.

Wer diese Anliegen unterstützen kann, wendet sich bitte an: 0251.51 90 66 oder fsv@muenster.de.

 

 

Christa Kortenbrede
Christa Kortenbrede

Die Diplom-Sozialpädagogin ist seit 1990 in der Frauenberatung und im Kinderschutz mit dem Schwerpunkt der Prävention, Intervention und sexualisierter Gewalt tätig. Seit 1997 ist sie Trainerin für Selbstbehauptung und Selbstverteidigung beim FSV Münster.

 


Der Frauensportverein Münster

Der FSV Münster bietet seit 30 Jahren Kurse, Wochenenden und fortlaufende Trainings in verschiedenen Sportarten an, dazu gehören Selbstbehauptung & Selbstverteidigung, Kampfkunst, Fitness, Yoga oder Ballsport. Die SELMA-Kurse für Mädchen verbinden Elemente der Selbstbehauptung und Selbstverteidigung mit sexualpädagogischen Einheiten und fördern interkulturelle und inklusive Fähigkeiten. Neu im Angebot sind die Kurse für Frauen mit Lernschwierigkeiten in Kooperation mit der Aktion Mensch sowie Kurse für geflüchtete Frauen.

Beim FSV findet sich eine bunte Mischung von Frauen und Mädchen ganz unterschiedlichen Alters und aus verschiedenen Lebensverhältnissen. Jede ist willkommen.

www.fsv-muenster.de/start

 

Interview: Susanne Sparmann

 

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