Interview: „Bitte denkt mit!“

Prof. Dr. Christian Kammlott im cibaria-Gespräch

Wenn sich ein Betriebswirtschaftler ein Unternehmen anschaut, guckt er, ob es Gewinne macht. Christian Kammlott hat sich eine andere Brille aufgesetzt. Der Professor vom Umwelt-Campus Birkenfeld wollte wissen: Welchen Gewinn macht denn das Umfeld dieses Unternehmens, die Region? Gerade hat er seine Studie zur Regionalen Wertschöpfung abgeschlossenen. In unserem Interview erklärt er, warum Münster sich glücklich schätzen kann, was Bio-Brötchen mit Schwimmbädern zu tun haben und vor allem: Warum die Welt einfach mehr Regionales braucht. 

 

cibaria: Herr Kammlott, warum ist es so überhaupt wichtig, regionale Wertschöpfungsketten in den Blick zu nehmen?

Christian Kammlott: Es gibt zwei Treiber für unsere Studie, zwei Megatrends: Der eine ist die Urbanisierung, die Leute ziehen aus den ländlichen Regionen in die Städte. Das hat teilweise dramatische Auswirkungen auf eine Region. Dörfer sterben, Städte prosperieren - es passieren krasse tektonische Verschiebungen. Gemeinden überlegen ernsthaft, ob sie überhaupt ihre Straßen renovieren sollen. Man muss sich fragen, was da gerade rund um uns passiert.

Und der andere große Treiber?

Ist die Globalisierung. Ganz viel verschwindet. Produktionen werden systematisch verlagert. Keiner findet es mehr seltsam, dass es in Deutschland fast keine Textilherstellung mehr gibt und diese stattdessen in Bangladesch stattfindet. Was den Menschen nicht bewusst ist: Das passiert auch mit Lebensmitteln. Wenn sie sich klarmachen würden, welche dramatischen Konsequenzen dies hat, würden sie sich mehr Sorgen machen.

Welche Konsequenzen genau sollte ich kennen?

Es geht nicht nur die Nähmaschine nach China. Es geht auch Kompetenz nach China. Und wenn im Supermarkt kein Gemüse mehr liegt, das hier produziert wurde, dann weiß eine Generation später niemand mehr, wie es erzeugt wird. Die Landwirtschaft ist jetzt schon eine Branche, die schrumpft. Bald gibt es bei uns keine mehr. Und dann? Hier ist unsere Versorgungssicherheit bedroht. Wir machen uns komplett abhängig von anderen Staaten. Außerdem schleppen Lebensmittel aus dem Ausland einen riesengroßen ökologischen Rucksack mit sich rum. Ich denke, es sollte für den Handel eine gesetzliche Regelung geben, die einen Mindestanteil an Obst und Gemüse aus heimischer Produktion vorgibt - vielleicht auch mit Maßnahmen der Besteuerung.

Aber es gibt auch den großen Gegentrend zu mehr Nachhaltigkeit.

Ja, die Menschen werden sich zunehmend bewusst, wie wichtig ihre Kaufentscheidung ist. Inzwischen existieren jede Menge Regionalsiegel, und man möchte dieses Instrument zur Kundengewinnung nutzen. Verständlich. Aber gehen Sie in den Supermarkt und schauen Sie sich die Etiketten an. Da steht drauf „Von hier.“ Was soll das bedeuten? Wo ist dieses „Hier“? Der Supermarkt? Das Bundesland? Europa?

Wie kann ich mich denn als Verbraucherin orientieren, wenn ich eine gute Kaufentscheidung im Sinne meiner Region treffen möchte?

Genau das ist das Problem. Es gibt wenig, was etabliert ist. Deshalb haben wir diese Studie gemacht: Auf Zahlen zu regionaler Wertschöpfung wartet die Welt. Denn mit ihnen kann ich Muster sehen, Benchmarks entwickeln, Entscheidungen ableiten.

Ihre größte Herausforderung bei dieser Studie?  

Anfänglich war es natürlich schwer herauszufinden, mit welchen Zahlen ich arbeiten muss, um den regionalen Wert herauszufinden, den ein Unternehmen erschafft. Dafür haben wir schließlich ein betriebswirtschaftliches Tool entwickelt. Die zweite Herausforderung wird sein, den Menschen das Ganze zu erklären. Ich bin wirklich nicht besonders professoral, aber es ist ein komplexes Thema. Es braucht eine gute Balance aus Verständlichkeit und wissenschaftlichem Gehalt.

Welches Ergebnis hat Sie am meisten überrascht?

Dass ein kleines Unternehmen wie cibaria dermaßen hohe regionale Wertschöpfungsbeiträge leisten kann. Ich weiß, dass Frau Kappler als Geschäftsführerin die Bäckerei cibaria weiter verbessern will und unter anderem deshalb an dieser Studie teilgenommen hat. Aber 85 Prozent regionale Wertschöpfung, das kann man kaum verbessern. Münster kann sich glücklich schätzen.

Was genau bewirken die Kundinnen und Kunden von cibaria mit ihrer Kaufentscheidung für ihre Region?

Wenn ich mein Brot und meine Brötchen bei cibaria kaufe, dann sorge ich zum Beispiel dafür, dass meine Nachbarin dort einen Job als Bäckereiverkäuferin oder Bäckerin hat. Ich sorge dafür, dass die Stadt Münster einen attraktiven Gewerbesteuersatz einnimmt, den sie nutzt, um eine Straße zu sanieren, ein Schwimmbad zu renovieren oder die Kita-Angestellte für mein Kind zu finanzieren. Wenn wir in Münster die Brötchen aus China kaufen, die importierten Rohlinge einer Kette, steht dort eine 450 Euro-Kraft mit minimalsten Sozialversicherungsbeiträgen. Sie verdient nicht viel, konsumiert nicht viel, zahlt nicht viele Steuern. Und im Zweifelsfall ist der Firmensitz ihres Arbeitgebers in Berlin, das heißt: Münster hat davon nichts.

Ihr Appell an Verbraucherinnen und Politik?

An die Konsumentinnen und Konsumenten: Bitte denkt mit! Mit Eurer individuellen Kaufentscheidung arbeitet ihr an einer großen gesellschaftlichen Aufgabe mit.

An die Politik: Bitte kein Gießkannenprinzip, sondern gezielt einem Muster folgen. Wenn man Investitionen fördert, schauen, ob langfristig – auch im Sinne von nachhaltig – die Werte dortbleiben, wo man sie haben will. Bei einer Strukturförderungsmaßnahme darf das Entscheidungskriterium nicht nur sein: Schaffst du damit Gewinn, sondern schaffst du damit regionalen Wert - das ist ein großer Unterschied.

Wie geht es weiter mit dem Thema Regionalwert? Was ist der nächste Schritt?

Es wäre jetzt sicher spannend, sagen wir, 40 Bio Unternehmen mit 40 konventionellen Unternehmen zu vergleichen. Meine Hypothese: Die Bio-Unternehmen sind so toll vernetzt und organisiert, dass deren regionale Wertschöpfung durch das Miteinander bestimmt viel höher sein würde -  da mache ich jede Wette.

 

Interview: Susanne Sparmann