Schmeckt Handwerk anders?

Wir setzen dort Maschinen ein, wo sie den Menschen die Arbeit erleichtern. Wer sich gegen eine industrielle Produktion entscheidet und der Handwerkskunst, bewahrt kulturelles Wissen. Aber: Handarbeit ist teurer.

Handwerk und immaterielles Kulturerbe
"Wir genießen die Vielfalt regionaler Spezialitäten. Doch diese wird es nur solange geben, wie sich Nahrungsmittelhandwerker finden, die nicht den Weg der Industrialisierung gehen und ihr Wissen weitergeben." 
Dieses Zitat stammt aus einem Artikel von Christine Ax und Dieter Horchler zum Thema "Handwerk und immaterielles Kulturerbe". Es geht um die Frage: Wie viel ist einer Gesellschaft die Bewahrung von handwerklichem Wissen und handwerklicher Erfahrung wert? Veröffentlicht ist der Text in der Zeitschrift UNESCO heute (1/07) mit Beiträgen zum UNESCO-Übereinkommen zur Bewahrung des immateriellen Kulturerbes. Das können zum Beispiel Musik oder Sprachen oder Erzählungen sein. Und eben auch das traditionelle Handwerk. Nicht nur, um Techniken zu schützen, sondern wie die Autor/innen schreiben: "Es geht auch um Verständnis und Wertschätzung für das Prinzip Handwerk". Und das ist zum Beispiel die Fähigkeit, Probleme praktisch zu lösen. 

Vom Wert der Handarbeit
In den vergangenen Monaten hat uns die Entwicklung auf dem Rohstoffmarkt stark beschäftigt. Die steigenden Rohstoffpreise machen auch unsere Produkte teurer. Wo wir als Bio-Produzentinnen nicht entscheiden können zu kaufen oder nicht (sonst haben wir kein Getreide im Speicher), haben Verbraucherinnen und Verbraucher durchaus die Freiheit, ein cibaria-Brot oder ein anderes zu kaufen. Schmeckt Handwerk anders? Vielleicht, wenn Kunden und Kundinnen noch mehr über traditionelle Produktionsweisen erfahren. Wenn sie wissen, wie viel Zeit Handarbeit braucht und kostet. In cibaria-Produkten steckt ein Personalkostenanteil zwischen 40 und 50 Prozent. Wenn Sie den Personaleinsatz der Landwirte u.a., die uns beliefern dazuzählen, wird dieser Anteil noch mal höher. Wer das traditionelle Handwerk als Kulturgut schützen will, muss also auch über den Wert der Handarbeit sprechen. In der Lebensmittel-Preisdebatte kommt dieser Aspekt viel zu kurz.

Immaterielle Kulturgüter schützen
Seit 2006 gibt es bei der UNESCO eine Kommission, die sich mit diesen Fragen befasst. 2008 soll die Vollversammlung der Vertragsstaaten Richtlinien verabschieden und dann soll eine weltweite Liste der schützenswerten immateriellen Kulturgüter entstehen. Beim Schutz des traditionellen Handwerks ist Frankreich in den vergangenen Jahren große Schritte gegangen. Seit 1998 gibt es dort den Titel "Maitre d'Arts", der französische Handwerker vergessen geglaubter Professionen auszeichnet. Neu ist die Initiative "Enterprises du Patrimoine Vivant", eine Auszeichnung für Unternehmen, die für schützenswertes Kulturgut stehen, wie z.B. Manufakturen. Unter anderem über eine landesweite PR wird die Wettbewerbsposition dieser Unternehmen gestärkt. 

Was der Markt regelt
In Deutschland gibt es erste Initiativen, um auch hier das Handwerk als immaterielles Kulturgut zu sichern. Bis dahin regelt der Markt, ob traditonell arbeitende Betriebe wettbewerbsfähig sind und Bestand haben können. Ein Blick in die Bäckereibranche zeigt, wie sehr industrielle Produktionsweisen das traditionelle Handwerk verdrängen. "Gab es in den fünfziger Jahren in Westdeutschland noch 55.000 handwerkliche Bäckereien, sind es heute nur 12.000. Ihr Marktanteil liegt bei nur 50 Prozent. Den Rest teilen sich Großbäckereien und Back-Discounter", schreibt Christian Sywottek im Wirtschaftsmagazin brand eins (11/07). Während das Bäckersterben weitergeht, ist der Umsatz der Backmittelindustrie stabil geblieben. Gebacken wird in Deutschland zunehmend industriell, d.h. unter hohem maschinellen Einsatz und vor allem mit synthetischen Backmitteln und Vorprodukten. 

Backen - das ist Erfahrung 
Wir bei cibaria setzen dort Maschinen ein, wo sie den Menschen die Arbeit erleichtern, wir verarbeiten ausschließlich ökologisch produzierte Rohstoffe und geben dem Teig die Zeit, die der braucht, um zu reifen. Wer wie die cibaria-Bäckerei traditionell produziert, gehört zu den Unternehmen, in denen nicht nur ohne Einsatz von Zusatzstoffen gebacken wird, hier wird auch traditionelles Wissen bewahrt und weitergegeben. "Viele Bäcker haben verlernt, wie man ohne industrielle Hilfe brackt", schreibt Christian Sywottek. "Backen - das ist Riechen und Fühlen, Wissen. Dafür braucht man Erfahrung." Die Diskussion um die Bewahrung des Handwerks als Kulturgut ist richtig. Sie braucht aber auch einen Blick auf die Bedingungen des Marktes, sonst bleibt sie nur philosophisch. 

Mehr Informationen über die Diskussion zum "Kulturgut Handwerk":
www.landschaft-des-wissens.org
Die Zeitschrift UNESCO heute: www.unesco.de/uh_link.html
Die Galerie der Ausgezeichneten frz. Unternehmen: www.patrimoine-vivant.com