„Wir möchten Wirtschaft anders leben“

Karolin Kuhlmann über cibarias neue Gemeinwohl-Bilanz

In unserem Wirtschaftssystem ist Geld zum Selbstzweck geworden, statt ein Mittel zu sein für das, was wirklich zählt: ein gutes Leben für alle. Die Gemeinwohl-Ökonomie versteht sich als Alternative. Sie beruht auf denselben Grundwerten, die auch unsere Beziehungen gelingen lassen: Vertrauen, Wertschätzung, Kooperation, Solidarität. Mehr als 2.000 Unternehmen unterstützen bereits dieses Modell; cibaria gehört dazu. Ende 2019 konnten wir mit Erfolg die zweite Gemeinwohl-Bilanz abschließen. Ein besonderer Prozess, der von Mitarbeiterin Karolin Kuhlmann koordiniert wurde.

Karolin, ganz einfach formuliert, worum geht es bei der Gemeinwohl-Ökonomie?

Karolin Kuhlmann: Gemeinwohl-Ökonomie bedeutet, Erfolg nicht an Umsatz und Gewinn eines Unternehmens zu messen, sondern daran, wie sehr das Unternehmen und seine Produkte zum Wohl von Mensch und Umwelt beitragen. Wir von cibaria fragen uns dabei konkret: Ist es für alle gut, wie wir als Unternehmen agieren; für die Zuliefernden, Mitarbeitenden, Kundinnen und Kunden. Aber auch das Klima.

Fairness, Wertschätzung und ökologische Nachhaltigkeit gehören von Beginn an zu cibarias Unternehmenskultur. Warum zusätzlich die Bilanzierung durch die Gemeinwohl-Ökonomie?

Das ist richtig, cibarias Werte decken sich nahezu mit denen der Gemeinwohl-Ökonomie. Gerade weil wir uns in dem System dieser großen Initiative wiederfinden, schätzen wir die Möglichkeit, uns von ihr messen zu lassen, und zwar ganz konkret. Wir möchten Wirtschaft anders leben und erarbeiten auf diese Art und Weise einen Weg, das auch konkret zu tun.

Kann man Werte denn überhaupt messen?

Genau das ist das Spannende: der Versuch, Haltung und Handeln vergleichbar und standardisierbar zu machen. Die Gemeinwohl-Ökonomie bietet eine umfangreiche Matrix, die den Rahmen schafft, um genau das zu tun.
Sie beinhaltet sogenannte Berührungsgruppen. Das sind die Menschen, mit denen wir als Unternehmen in Kontakt sind. Bezogen auf jede Gruppe gibt es eine Überprüfung von Werten wie Menschenwürde, Solidarität und Gerechtigkeit, ökologische Nachhaltigkeit, Transparenz und Mitentscheidung.

Lass uns das verdeutlichen. Nehmen wir die Bauern und Bäuerinnen, die das Getreide für cibaria anbauen. Wie weist man gegenüber dieser Gruppe den Wert ‚Gerechtigkeit‘ nach?

Zum Beispiel dadurch, dass wir jährlich mit ihnen an einem runden Tisch sitzen und Ernte, Preise oder auch Herausforderungen gemeinsam besprechen.
Für Angebote dieser Art errechnet die Matrix eine bestimmte Punktzahl.

cibarias erste Zertifizierung im Jahr 2016 erfolgte in Zusammenarbeit mit der Fachhochschule Münster und anderen Münsteraner Unternehmen. Was hat sich seitdem verändert?

Bei der ersten Zertifizierung wurde klar: Wir haben noch Bedarf was Transparenz und Mitentscheidung im Team angeht. Also haben wir bei der erneuten Zertifizierung viele Mitarbeitende eingeladen, sich an den Themenworkshops zu beteiligen. Das hat schön funktioniert. Außerdem die Themen Eigentum und Entscheidungsbefugnisse: Wir sind seit einiger Zeit dabei Strukturen zu entwickeln, um die Geschäftsführung auf mehr Schultern zu verteilen.

Was habe ich als Kundin davon, dass cibaria Gemeinwohl-Ökonomie-bilanziert ist?

Es gibt viele Kundinnen und Kunden, die ganz unabhängig von unseren Produkten unser Engagement für die Gemeinwohl-Ökonomie schätzen. Sie erkennen an, dass wir die Umsetzung unserer Werte von einer Instanz überprüfen lassen. Das vermittelt Sicherheit und das Wissen: wir sitzen im selben Boot.

Wie aufwendig ist der Prozess der Bilanzierung?

Ich habe 150 Arbeitsstunden dafür investiert. Hinzu kommt das Engagement vieler Menschen aus unserem Team. Für die Auditierung wurden wir von einer Sachverständigen des Gemeinwohl-Ökonomie-Vereins einen kompletten Tag geprüft. Sie geht in die verschiedenen Abteilungen und spricht mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Allein dafür fallen Gebühren von rund 2.000 Euro an.

Warum würdest du anderen Unternehmen raten, sich zertifizieren zu lassen? Wann lohnt sich der Aufwand?

Wenn der Wunsch besteht, blinde Flecken zu identifizieren. Es ist nicht immer angenehm, aber äußerst hilfreich zu schauen, wie sehr man tatsächlich seine Haltung lebt und worauf man noch achten sollte. Man bekommt dafür gute Werkzeuge an die Hand. Wer Interesse an dem Thema hat, kann gern Kontakt zu mir oder Stefanie Nagel, unserer Vertriebsleiterin aufnehmen.

Wie schätzt du die Entwicklung der Gemeinwohl-Ökonomie insgesamt ein?

Sie kommt mehr und mehr in der Gesellschaft an. Unsere Erfahrungen bei cibaria wurden bereits mehrfach von der Politik angefragt, parteiübergreifend, auf kommunaler wie auf Bundesebene. Was uns besonders freut: Wir erhalten viele Anfragen von Studierenden, die ihre Master- oder Bachelorarbeit zur Gemeinwohl-Ökonomie schreiben. So viele, dass wir einigen tatsächlich absagen mussten.

Was hat sich für dich persönlich verändert, seit du den Prozess begleitet hast?

Es war eine sehr integrative Erfahrung. Ich bin tief reingesurft in alle Bereiche von cibaria und spüre eine intensivere Bindung zum Unternehmen. Einige der konkreten Schalthebel für das gemeinwohlorientierte Leben nehme ich auch für das Privatleben mit. Zum Beispiel beim Ökostrom-Anbieter mal genau schauen und überprüfen: Stimmt das alles, wo kommt der Strom wirklich her?

Was hat das ergeben?

Insofern gar nichts, als dass wir umgezogen sind. Jetzt haben wir Sonnenpaneele auf dem Dach und sind sozusagen selbstversorgend.

 

Karolin Kuhlmann arbeitet seit 2008 bei cibaria. Die Ökotrophologin verstärkt derzeit den Vertrieb vom Home-Office in den Niederlanden aus. Da ihr neuer Wohnort Apeldoorn in Sachen Biobrot stark unterversorgt ist, importiert sie in rauen Mengen unser Grünkern – ihr Lieblingsbrot –, um es einzufrieren.

 

Interview: Susanne Sparmann

 

Weblinks zur Gemeinwohl-Ökonomie

Allgemein: www.ecogood.org

Gemeinwohl-Ökonomie im Münsterland: www.ecogood.org/de/muensterland

Zur Gemeinwohl-Bilanz von cibaria 2016: www.ecogood.org/de/menu-header/news/pilotprojekt-mit-gemeinwohl-bilanzen-an-der-fachhochschule-munster-1

Die Gemeinwohl-Bilanz 2020 wird im Laufe des Jahres auf der Homepage von cibaria eingepflegt.